Sonntag, 26. Februar 2012

Über den Kontrast von Arm und Reich

So jetzt wird es mal wieder Zeit, dass ich euch schreibe. Ich bin nun schon ein halbes Jahr in Kolumbien. Die schlechte Nachricht: Ich bin nur noch ein halbes Jahr hier! Die gute Nachricht: In einem halben Jahr komme ich schon wieder! Ich freue mich schon euch wiederzusehen, deutsches Brot zu essen, Sprudelwasser zu trinken, zu einem Friseur zu gehen (den kolumbianischen Friseuren vertraue ich hier nicht), Klopapier in der Toilette runterzuspülen, ein Tag ohne Moskitos und Kakerlaken, in meinem Einzelzimmer in einem  bequemen Bett zu schlafen und vor allem einmal durch die Straßen zu laufen, ohne dass die Männer mir Beachtung schenken. Aber genauso werde ich auch einige Sachen vermissen, wie z.B. die Möglichkeit jeden Tag ans Meer zu gehen und dort einen wunderschönen Sonnenuntergang zu beobachten, die Wärme, die vielen leckeren Früchte und Fruchtsäfte, die die Hilfsbereitschaft, Herzlichkeit und Gelassenheit der Kolumbianer, die Musik und die lieben Menschen, die ich bisher kennenlernen durfte. Und vor allem, dass an jedem Tag etwas Neues und Unerwartetes geschieht.

So waren wir Letzt im Armenviertel und ich durfte Zeit mit den Kindern verbringen. Sie wollten Seilspringen spielen. Nach einer Weile kamen sie mit einem langen mürben harten Stromkabel an, das sie sich beim Springen teilweise absichtlich gegen die nackten Füße schlugen. Als ich dann das schwere Kabel schwingen durfte, hat die mürbe Isolation meine Handinnenflächen aufgerieben, was ein zwar nicht so schlimmes, aber etwas blutiges Ende nahm. Kurz darauf wurde mir ein Leguan Schwanz präsentiert, den Leguan ohne Schwanz durfte ich mir dann auch anschauen! An diesem Tag ist mir auch ein kleiner Junge begegnet, der eine Taube gefangen hatte und ihren Kopf hin- und her bog. Ich konnte mir das kaum mitansehen und bat ihn das Tier freizulassen. Er antwortete nur: „Das ist mein Abendessen!“
Ich habe mich schon an solche Situationen gewöhnt. Auch, dass die Mädchen verlaust sind und mit mir „Stille Post“ spielen wollen, ist nichts Ungewöhnliches mehr oder mit ihren verschwitzten und dreckigen Händen meine Haare flechten. Man sagt ja immer, dass solche Dinge einen später mal weiterhelfen werden. Bei was mir das genau helfen wird, habe ich noch nicht herausgefunden. Aber ich hoffe, dass das alles einen Sinn hat, auch wenn es nur ist, dass sich die Kids in diesem Moment gefreut haben.

Im Kontrast zu dieser Welt des Armenviertels, bekomme ich auch immer mal wieder die Welt des Reichtums zu spüren. So durften wir (2 befreundete Freiwillige und ich) gestern -dank einiger Beziehungen- an einem Benefizkonzert teilnehmen. Wir wussten nur, dass es auf einem Schiff stattfinden würde; dass es auf einem riesigen Kreuzfahrtdampfer war, hat uns aber keiner gesagt! Wir wurden von der Crew persönlich begrüßt und wurden durch endlos lange Gänge in einen akklimatisierten Raum geführt, das sowohl über eine Sternendecke, als auch über einen Buttler verfügte, der um unser Wohl besorgt war. Die erste halbe Stunde hatten wir ein Dauergrinsen auf unseren Gesichtern, weil wir so überfordert waren von dem ganzen Luxus, der Ausstattung und dem Ambiente. Der Abend war wunderschön und ich weiß jetzt endlich wie es auf dem „Traumschiff“ aussieht, das mir aus Kindertagen aus dem Fernseher in Erinnerung geblieben ist und ich damals mehr oder weniger gezwungen war es jeden Sonntag mit meinen Eltern anzuschauen. Nur die Torten mit den Wunderkerzen haben gefehlt! Später sind wir dann durch eine Anlage zurückgelaufen, wo uns ein Reh verfolgt hat. Dort durften wir uns rosafarbene Flamingos und Papageie anschauen. Natürlich haben die Kakerlake und die Ratte nicht gefehlt!

Diese krassen Kontraste von Arm und Reich, die ich hier im extremen Maße hautnah miterlebe, geben mir zu denken. Wenn 20 Meter vor einem riesigen Shoppingcenter ein Mann ohne Bein auf dem dreckigen Boden sitzt und um sein Lebensunterhalt bettelt oder Kinder in unser Projekt kommen, die zuhause manchmal kein Essen bekommen, dann zeigt mir das auf der einen Seite wie gut es uns doch eigentlich geht und wie undankbar wir trotzdem sind! Und auf der anderen Seite frage ich mich was man an all dem ändern könnte. Doch ich denke Veränderung muss in jedem Einzelnen anfangen und jeden Tag aufs Neue anfangen.

Sonntag, 29. Januar 2012

Über meinen Urlaub und meinen Geburtstag

Jetzt habe ich schon eine ganze Weile nichts mehr von mir hören lassen. Aber ich lebe noch und mir geht es gut. Ich hoffe ihr seid alle gut ins Neue Jahr gekommen! Jetzt will ich euch ein wenig von meinen letzten Wochen berichten.

Vom 17. Dezember bis zum 9. Januar hatte ich Urlaub. Mit 5 anderen deutschen Freiwilligen meines Projektes bin ich durch Kolumbien gereist und ich muss schon sagen in den drei Wochen haben wir richtig viel erlebt. Wir haben in etlichen Hostels geschlafen, die mal gut, mal weniger gut waren, sind mit Bussen durch die Gegend gereist und haben viele interessante, aber auch schräge Leute kennengelernt. Wir waren zuerst in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota. Dort war es für unsere „cartagenischen Verhältnisse“ (28 Grad nachts) total kalt und ich habe bei ca. 13 Grad nachts mit 3 Decken und einem Pulli schlafen müssen und habe immer noch gefroren. Es war leider nicht nur kalt, sondern auch verregnet und ehrlich gesagt, finde ich Bogota nicht sehr schön. Den „Monserrate“, einen Berg von dem aus man Überblick über die halbe Stadt hat, sollte man mal gesehen haben. Sonst gibt es noch einige Museen, die Innenstadt und Märkte, aber das war es dann auch schon und so war ich froh, dass wir nach 3 Tagen am 20. Dezember nach San Gil weitergereist sind. Diese warme Stadt mit Mittelmeerfeeling hat uns allen sehr gut gefallen. Dort sind wir zu einen Wasserfall gelaufen, haben eine Höhlenwanderung gemacht, bei der das Wasser teilweise so hoch stand, dass man unter den Felsspalten hindurchtauchen musste, einen Tag lang haben wir uns Mountainbikes ausgeliehen und sind damit einen Canyon entlanggefahren und wir waren zweimal in Flüssen irgendwo in der Pampa baden. In San Gil haben wir auch Weihnachten verbracht und es ist nicht einfach Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen, wenn es draußen 30 Grad hat und man in kurzer Hose und Top am Pool sitzt und sich fragt, wo denn der Schnee bleibt! Nachdem wir mit unseren Familien geskypt hatten, standen Larissa und ich im Zimmer; unser Gespräch verlief folgendermaßen: „Mir ist langweilig? Was können wir machen?“ „Bungeejumping?“ „Ok!“. Eine Stunde später standen wir dann auf dem wackeligen Turm über einem Fluss und nach großer Überwindung haben wir den Sprung tatsächlich gewagt. Das Adrenalin schoss uns nur so durch die Adern und ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich an den freien Fall denke. Abends haben wir uns was Leckeres in einem Restaurant gegönnt. Dieses Weihnachten werde ich auf jeden Fall nicht so schnell vergessen. Am 26. Dezember sind wir dann weiter nach Salento. Auch dieses kleines Städtchen ist wunderschön. Dort gab es im Palmental einen Pferderitt zu einer Kolibrifarm. Außerdem haben wir eine Kaffeefinka besucht, dort hat uns ein alter Kolumbianer (der hat genauso ausgesehen, wie man sich die alten Farmer vorstellt) erklärt wie Kaffee hergestellt wird. Sehr interessant! Am 29. Dezember sind wir nach Manizales weitergereist, aber dort fanden wir es so hässlich, dass wir dort auf gar keinen Fall das Neue Jahr beginnen wollten und gleich am nächsten Tag schon wieder nach Medellin weitergefahren sind. Dort haben wir 4 Nächte in einem Hostel verbracht und Silvester gefeiert.  Es gab eine Party im Hostel mit etwas merkwürdigen Leuten. Mehr brauche ich glaub nicht zu sagen. Die restlichen Tage bis zum 6. Januar haben wir bei zwei weiteren Freiwilligen in Medellin verbracht. Wir konnten ihre Arbeit kennenlernen, was sehr interessant war. Zum einen arbeiten sie mit jungen Müttern zusammen, es gibt aber auch ein Haus mit Jungs, deren Eltern sich nicht um sie kümmern können. Mit den Jungs waren wir einen Tag am See und haben ganz rangermäßig mitten im Wald gekocht. Wir haben uns Medellin angeschaut, waren abends auf einem Weihnachtsmarkt, der übertrieben viele Lichter hatte, wurden von den Projektleitern zu einer richtig leckeren Lasagne eingeladen, haben uns ein „Pueblito“ angeschaut (ein nachgebautes Dorf, so wie es früher ausgesehen hat) und nicht zu vergessen: wir waren Paragliding über der riesigen Stadt. Total schön! Danach ging es nach Santa Marta, eine sonnige Stadt an der Küste (4 Stunden von Cartagena entfernt). Dort haben wir den Urlaub am Strand mit Sonnenuntergängen ausklingen lassen. Im Allgemeinen kann ich sagen: unser Urlaub war sehr abenteuerlich -nicht zu vergessen die Kakerlake, die mir in Medellin in die Hose gekrabbelt ist- wir hatten eine gute Gemeinschaft, viel Spaß miteinander und vor allem konnten wir die Vielfalt von Kolumbiens Natur sehen.

In meine gewohnte Umgebung zurückzukommen und den bunten Bastelalltag wieder beginnen zu lassen, ist mir nach den ganzen Abenteuern nicht ganz so leicht gefallen. Aber deshalb bin ich ja schließlich in Kolumbien! Und ich bin froh wieder in Cartagena zu sein. Von allen Städten, die ich bereits in Kolumbien gesehen habe, gefällt mir Cartagena am besten und ich weiß es jetzt noch mehr zu schätzen, dass ich so eine schöne Stadt erwischt habe.

Dann möchte ich euch von meinem Geburtstag erzählen. Erst mal: Vielen lieben Dank für die vielen Geburtstagswünsche! Das hat mich sehr gefreut und erinnert mich, dass es auf der anderen Seite der Welt Menschen gibt, die auf mich warten. An diesem Tag wurde ich wie eine Prinzessin behandelt. Eigentlich hat der Morgen ganz normal angefangen: aufstehen, fertig machen, essen, putzen…dann klingelte es an der Haustür und unser Finanzexperte kam mit seiner ganzen Familie (inklusive Hund) um mir ein Ständchen zu singen und das um halb 8 morgens! Das war schon mal die erste Überraschung. Dann habe ich den Tag frei bekommen (bis auf ein Treffen, das aber nur ein und halb Stunden gedauert hat), war ein bisschen im Internet, bekam einen Anruf von meinen Leitern aus Frankreich- die ich leider noch nicht persönlich kennenlernen konnte- und die haben mir ein Geburtstagslied auf drei verschiedenen Sprachen gesungen und mittags ging es dann richtig los! Mein kolumbianisches Lieblingsessen wurde extra für mich gekocht: Kokosreis, frittierter Fisch, Patacón und Salat. Einfach nur köstlich! Abschließend gab es zwei Torten (Schokolade und Schokolade Arequipe). Zwei deutsche Freiwillige aus einem anderen Projekt kamen mich besuchen und nach dem Essen hat jeder gesagt, was er an mir schätzt und mag! Geburtstagsgeschenke gab es natürlich auch: einen Gutschein für 2 Salsastunden, ein Strandtuch und Geld. Danach ging es mit meinen Freunden, mit denen ich im Urlaub war, an den Strand in Boca Grande. Für mich, die im Januar Geburtstag hat, ist damit ein Traum in Erfüllung gegangen! Momentan weht an der Küste ein heftiger Wind und so gab es richtig hohe Wellen, den Sonnenuntergang haben wir uns auf dem Rückweg in die Stadt angeschaut. Dort haben wir uns in einer Saftbar leckere Getränke gegönnt. Den Tag haben wir dann auf der Stadtmauer mit Blick aufs Meer unter Sternenhimmel ausklingen lassen und spätabends bin ich dann erschöpft, aber zufrieden in mein Bett gefallen.

Was gibt’s sonst noch Neues: Ich werde das Fitnessstudio wechseln, vor einigen Tagen war eine große Kakerlake in meinem Zimmer und dank der Kinder aus dem Armenviertel weiß ich jetzt wie ein Leguan ohne Schwanz aussieht! Das Tier hat mir wirklich leidgetan. Außerdem kommt mich in der nächsten Woche eine Freundin aus Deutschland besuchen, darauf freue ich mich schon riesig und in zwei Wochen ist schon das Zwischenseminar meiner Organisation. Also gibt es wieder viel zu tun in nächster Zeit!

Dienstag, 13. Dezember 2011

Von Läusen, Mathematik, dem Wasch-, Bastel- & Saubermachtag

Hallo ihr Lieben. Ja ich merke es selbst: meine Blogeinträge werden immer weniger! Aber das heißt nicht, dass es mir schlecht geht oder so. Nein ganz im Gegenteil: Das liegt daran, dass ich mich schon richtig in meine neue Welt eingelebt habe! Aber das soll natürlich keine Ausrede sein und so möchte ich euch jetzt einige Erlebnisse mitteilen.
Erst mal möchte ich mich bei meiner Familie bedanken. Gestern ist das 2. Packet angekommen! Da hatte ich ein fettes Grinsen auf dem Gesicht als ich die Schokolade und die vielen anderen leckeren Sachen gesehen habe! Ich freue mich schon auf das nächste Packet.
Dann ist mir vor zwei Tagen mein Fenster aus dem Fensterrahmen gefallen. Man muss dazu sagen, dass ich im ersten Stock schlafe und ich direkt neben meinem Bett ein Schiebefenster habe und irgendwie habe ich beim Aufmachen gegen das eine Fenster gedrückt und es ist aus der Halterung gerutscht und mit einem lauten Schlag unten aufgekommen. Die Regenzeit ist noch nicht ganz vorbei und wenn es stark regnet, dann kann es auf mein Bett regnen! Das ist natürlich nicht so schön, aber jetzt weiß ich wenigstens was ich mir zu Weinachten wünsche: ein neues Fenster.
Ein- bis zweimal im Jahr machen wir einen „Waschtag“ mit den Kindern. Da dürfen sie kommen, wir machen ihre Ohren, Finger- und Fußnägel sauber, waschen ihre Füße und wenn es nötig ist auch die Haare. Ich war dafür zuständig die Fingernägel und Ohren sauberzumachen. An diesen Tagen ist mir zum ersten Mal -nach über 2 Monaten- aufgefallen, dass die Mädchen Läuse haben! Aber nicht nur ein paar Läuse, sondern richtig viele! Das mich das erst mal Überwindung gekostet hat, ist klar, aber mittlerweile ist meine Ekelgrenze soweit gesunken, dass ich es nicht mehr ganz so schlimm finde und außerdem ist es ja für eine gute Sache. Ich hatte nämlich das Gefühl, dass sich die Kinder danach richtig schön gefühlt haben und das ist die Hauptsache! Die meisten von ihnen haben zuhause kein fließend Wasser, weder eine Dusche, noch eine Toilette und die Eltern achten auch nicht gerade auf Sauberkeit und Hygiene. So war es ganz gut, dass wir diesen Tag gemacht haben!
Vor einigen Wochen hatten wir in einer Straße im Armenviertel einen Müllsammelvormittag. Dazu wurden die Kids in mehrere Gruppen aufgeteilt. Die Aufgabe war einfach: „Welche Gruppe am meisten Müll sammelt, gewinnt!“ Freiwillig würde dort nämlich niemand aufräumen. Das Schlimme ist einfach, dass der Müll direkt aus der Haustür geworfen wird und niemanden stört. Wenn man daraus jedoch einen Wettbewerb macht und es am Ende Süßigkeiten gibt, dann wird fleißig mitgeholfen. Ich durfte sogar alleine eine Gruppe mit ca. 15 Kindern übernehmen. Die kleinen Jungs waren meist einfach nur glücklich, wenn sie eine Mülltüte in der Hand hatten und damit herumgerannt sind. Ich habe ihnen dann versucht zu erklären was Müll eigentlich ist, denn nicht nur Plastik, sondern auch Holzstücke, Blätter und Gras wurden eingesammelt. Die großen Kids dagegen waren ganz „schlau“ und haben vor allem die großen Plastikflaschen in die Säcke gestopft, damit die Tüten schneller voll wurden! Meine Gruppe hat an einem Abhang aufgeräumt und ich fand es richtig gefährlich wie die Kids barfuß auf irgendwelchen morschen Ästen herumgeturnt sind um mit ihren bloßen Händen den verschimmelten Müll, der schon seit Jahren vor sich hingammelt, einzusammeln. Das nenn ich mal vollen Körpereinsatz! Vor allem die kleinen Kinder stecken sich danach öfters mal ihre Hand wieder in den Mund. Ich versuche über solche Sachen dann nicht zu viel nachzudenken. Letztendlich hatten wir eine super Gemeinschaft, eine Menge Spaß, die Kinder hatten eine Aufgabe und haben nicht ihre Zeit mit Nichtstun verbracht und zudem wurde meine Gruppe zweiter Platz. Außerdem kam in dieser kurzen Zeit eine Menge Müll zusammen. Jedoch muss eine Veränderung in den Köpfen geschehen, und es muss generell mehr auf Sauberkeit geachtet werden. Zwei Wochen später, als ich erneut durch diese Straße gelaufen bin, hat man von der Müllsammelaktion nämlich leider nicht mehr so viel gesehen!
Dann war ich Letzt mit meiner Leiterin im Armenviertel, dort gehen wir wöchentlich die Familien besuchen, erkundigen uns wie es ihnen geht und mit den Kindern, die neu in unserem Projekt sind, füllen wir Fragebögen aus. Man muss erwähnen, dass die Hütten so dicht aneinander gebaut sind, dass es keine Privatsphäre gibt, die Türen sind meist offen und jeder kennt jeden. Als wir dann mit einem Mädchen den Fragebogen ausgefüllt haben, kamen ca. 10 Kinder aus derselben Straße ungefragt in die Wohnung, haben sich dazugesetzt, gespielt und waren laut. Und es wurden immer mehr Kinder! Meine Leiterin hat mir dann zu verstehen gegeben, dass ich doch bitte mit ihnen auf die Straße gehen und sie beschäftigen soll. Also bin ich vor die Tür mit 20 Kindern, deren Erziehung so einiges zu wünschen übrig lässt. Anfangs saßen wir auf einer Terrasse, nachdem sich dann aber zu viele Kinder um mich herumgescharrt hatten, mir meine Haare flechten wollten und ich dann gemerkt habe, dass auf mir zwei Läuse herumgekrabbelt sind, bin ich aufgestanden und habe ich versucht einige Spiele mit ihnen zu spielen. Die kleinen Jungs haben versucht mich mit ihren Turnkunststücken zu beeindrucken und die Mädchen wollten Klatschspiele mit mir spielen. Es ist schwierig, denn die Kinder sind sehr besitzergreifend und eifersüchtig und ich habe eben mal nur zwei Hände! Aber die Atmosphäre war wirklich schön und am Ende haben wir uns alle an den Händen gehalten und Ringelreihe getanzt. Die gesamte Straße hat zugeschaut wie die große, weiße Frau aus Europa mit den kleinen, braunen Kindern aus Kolumbien getanzt hat. Das war ein unvergesslicher Nachmittag für mich und ich habe das Gefühl, dass die Kinder mich mittlerweile richtig lieb gewonnen haben. Ich werde öfters gefragt, wann ich denn wieder zu ihnen zum Spielen komme.
Wenn ich so drüber nachdenke hatten wir die letzten Wochen richtig viele Aktionen mit den Kindern. Dazu gehört auch das das Basteln der Weihnachtskarten. Innerhalb von drei Tagen waren 80 Kinder in unserem Haus und jeder von ihnen hat eine Karte gebastelt. Da ich für die Dekoration zuständig bin, durfte ich diese Karten vorbereiten. Was für eine Freude und was für eine Arbeit! Und nicht nur die Karten, sondern auch das ganze Drum und Dran, wie Weihnachtsbäume, Sterne und Schneemänner. Am ersten Vormittag hatten wir die Station mit den verschiedenen Dekosachen noch im selben Raum, wo die Kinder auch gebastelt haben. Jedoch sind die Kinder -insbesondere die Jungs- mehrmals gekommen und haben einfach alles- wirklich alles- was sie in die Hände bekommen haben auf die Karte geklebt. Einfach nur damit sie mehr hatten als die anderen! Ob es dann schön ausgesehen hat oder nicht hat dann erst mal keine Rolle gespielt. Aber aus solchen Erfahrungen lernt man und so haben wir die anderen fünf Male einen anderen Raum verwendet und alles genauestens abgezählt und so hat es auch ganz gut geklappt. Was ich wirklich sehr süß fand, war ein Junge, der auf seiner Karte folgendes stehen hatte: „Tia Chulia te quiero“ (Julia ich liebe dich). Doch die Karte war nicht für mich, sondern für seine Mutter!
Da weder meine Leiterin, noch meine Zimmernachbarin in Mathematik sonderlich begabt sind, unser Projekt jedoch Hausaufgabenhilfe anbietet, bin ich dann sozusagen „in die Bresche gesprungen“ und durfte jetzt schon zweimal Hausaufgabennachhilfe in Mathematik geben! Dafür, dass ich noch nicht einmal weiß was Plus und Minus auf Spanisch heißt, hat Wurzel- und Bruchrechnung eigentlich ganz gut geklappt.
So jetzt habt ihr einen kleinen Einblick in mein Leben bekommen, jedoch fehlen etliche Erlebnisse. Jeden Tag erlebe ich so viel, dass manchmal alles wie in einem Traum durcheinander gerät und es kommt mir vor als ob ich hier schon ewig wäre. Ich wünsche euch allen eine wunderschöne Weihnachtszeit und eine guten Rutsch ins Neue Jahr. Ich werde am Samstag mit zwei weiteren Freiwilligen aus Cartagena (Anka und Larissa) für drei Wochen in den Urlaub fliegen und wir werden uns mit anderen Freiwilligen treffen. Die Erlaubnis für den Amazonas haben wir leider nicht bekommen, aber dafür werden wir Bogota, Medellín und die Kaffezone bereisen. Ich bin gespannt was das neue Jahr mit sich bringt!
PS: Ich würde mich über Post im neuen Jahr freuen!

Donnerstag, 17. November 2011

Von der politischen Lage, Schimmel, Tayrona Park und einem leckeren Bonbon

Ich merke gar nicht wie die Zeit vergeht! Bald haben wir schon wieder Weihnachten. Da es so warm ist, kommt bei mir gar keine Weihnachtsstimmung auf, obwohl es massenweise Weihnachtsdekoration zu kaufen gibt und in vielen Häusern schon die Lichterketten brennen. Über Weihnachten und Silvester habe ich Urlaub und mit Anka und Larissa (2 deutschen Freiwilligen) habe ich diese drei Wochen bereits verplant. Wir wollen mit dem Bus nach Bogota reisen, auf dem Weg dorthin die Kaffeezone besuchen, uns die Hauptstadt anschauen und am 1. Januar dann in den Amazonas fliegen. Wir haben schon unsere Flüge gebucht und eigentlich hört sich das auch alles schön und gut an, doch vor 2 Wochen wurde Alfonso Cano, der Anführer der kolumbianischen FARC-Guerilla, getötet! Und einige Leiter sind der Meinung, dass es besser wäre nicht groß durchs Land zu reisen, weil es Vergeltungsanschläge geben könnte! Ich persönlich merke (hier in Cartagena) keine Veränderungen aufgrund der politischen Situation! Momentan ist das alles ein Hin und Her und wie es aussieht brauchen wir nun eine schriftliche Bescheinigung vom deutschen Konsulat in Bogota, dass sie für uns die volle Verantwortung übernehmen. Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass es so eine Bescheinigung gibt! Uns bleibt ein Monat Zeit um zu hoffen, dass sich noch irgendetwas ändert! Wie ihr euch vorstellen könnt, habe ich  nämlich wirklich keine Lust Weihnachten und  Silvester alleine in Cartagena zu verbringen, wenn es so eine schöne Alternative gibt!

Dann will ich euch von einer Begegnung erzählen mit einem „unerwünschten Besucher“: dem Schimmel! Mir ist schon vor ein paar Wochen aufgefallen, dass meine Kappe angeschimmelt war. Ich habe mir dabei nicht viel gedacht, aber als ich dann Letzt den Schrank aufgeräumt habe, kam ich aus dem „Staunen“ (im negativen Sinne) nicht mehr heraus: Der Schrank und die Hälfte meiner Kleidung waren angeschimmelt! Überall weiße Schimmelflecken! Also dachte ich mir, dass ich die Sachen saubermache und nicht wieder zurück in den angeschimmelten Schrank lege, sondern stattdessen in meinen Koffer packe. Doch als ich dann meinen Koffer öffnete (aus dem ein noch üblerer Gestank strömte), wurde mir klar, dass der Schimmel auch nicht vor deutschen Koffern Halt macht! Ich will euch jetzt nicht den Appetit verderben, aber im Koffer war der Schimmel sogar grün! Ich war von dem Ganzen nicht gerade begeistert, habe mir ein Tuch vor die Nase und das Gesicht gebunden (weil es wirklich nicht gut gerochen hat) und meinen freien Samstagvormittag dazu genutzt ganze drei Stunden lang Wasser über unseren Gasherd heiß zu machen (unsere Waschmaschine wäscht nämlich nur kalt), die Sachen darin abzukochen, zu schrubben und anschließend in die Sonne zu hängen. Meine Leiterin hat mir ein Mittel gegeben, das ich mit ins Wasser gemischt habe. Leider habe ich zu spät gemerkt, dass darin Chlor enthalten war und Chlor bleicht ja bekanntlich Farben aus! Aber was soll man machen? Der Schimmel kann ja nichts dafür, dass er existiert und sich unnötig darüber aufregen, bringt einen auch nicht weiter. Immerhin habe ich die Hoffnung, dass sich das in 2 Monaten ändert, denn dann ist die Regenzeit vorbei und die hohe Luftfeuchtigkeit wird zurückgehen und mit ihr der Schimmel!

Dann hatte ich 5 Tage Urlaub, weil Cartagena 200 Jahre der Unabhängigkeit gefeiert hat und wenn Kolumbianer feiern, dann feiern die richtig! In manchen Stadtvierteln ist es sogar so schlimm, dass man nicht mehr auf die Straße gehen kann: Matsch- bzw. Farbbomben werden geworfen, ganze Menschenmassen verschwinden im Schaum, den es überall in Sprühdosen zu kaufen gibt und Seile werden gespannt um die Autos aufzuhalten und Geld zu verlangen. Das kann richtig gefährlich werden, besonders wenn  Alkohol im Spiel ist. Ich habe einen Mann gesehen, der eine Platzwunde am Kopf hatte. Aber es gibt auch schöne Seiten der Fiestas: die Wahl der „Miss Cartagena“, Livemusik von den hier bekannten Künstlern usw. Doch das alles habe ich nur vereinzelt über Fernsehen mitbekommen, denn ich war währenddessen in Santa Marta und im Tayrona Park. In Santa Marta durften wir bei einer Freundin von meiner Zimmerkollegin übernachten. Das war richtig nett von ihr, dass sie uns so spontan ein Zimmer zur Verfügung gestellt hat. Was ich hierbei erwähnen muss: Die Hinfahrt war in einem Kleinbus (ca. 20 Personen) mit Klimaanlage, 4 Stunden Fahrt mit etlichen  Kinder und nichts anderes als ein grausamer Horrorthriller („HISSS“) wird in den DVD Player gelegt!  Ich habe versucht aus dem Fenster zu schauen und die schöne Landschaft zu genießen, aber mit den Geräuschen eines Horrorthrillers im Hintergrund geht das nicht so gut! Wir sind dann am nächsten Tag in Santa Marta  an den schönen, aber überfüllten Strand von „Rodadero“ gegangen und haben uns einen kleinen Teil der Stadt angeschaut, die von Bergen umgeben ist. Die Tage darauf waren wir im Tayrona Park, einem Naturpark an der Küste. Ich habe bisher noch keinen so wundervollen Ort gesehen, für mich das Paradies: weiße Sandstrände, goldfunkelnder Sand, dichter Urwald, massenweise Palmen, Kokosnüsse, das Gefühl von Weite und Freiheit! Mit Worten ist das nicht zu beschreiben, am besten seht ihr euch die Bilder an. Mit einem Wanderrucksack auf den Schultern, sind wir ca. 3 Stunden durch den Dschungel gelaufen, es war sehr schwül und als wir an unserem Übernachtungsort, einem Campingplatz angekommen sind, war die Kleidung komplett nassgeschwitzt. Den Tag über haben wir  am Strand verbracht: zwei Buchten und in der Mitte eine kleine Minihalbinsel, auf der man in Hängematten übernachten konnte. Leider waren die schon alle belegt und so haben wir in einem Hängemattenmassenlager auf dem Campingplatz geschlafen. Ich habe die Hängematten gezählt: 44 Stück, glücklicherweise waren nicht alle belegt - der eine „Schnarcher“ hat mir schon gereicht! Dort ist mein Gefühl von Privatsphäre endgültig vernichtet worden: Hängematte an Hängematte, diese haben zwar ein Netz gegen Moskitos, aber trotzdem kann dich jeder sehen und als ich dann duschen gegangen bin, waren das 4 offene „Duschen“ für den kompletten Campingplatz ohne Vorhang und ohne Geschlechtertrennung und der provisorische morsche Zaun davor, hatte nur noch wenige Holzlatten. Also hatte man beim Duschen die Wahl, ob man seinem Nachbarn oder den Pferden beim Fressen zusehen mochte. Aber dafür, dass es Mitten im Urwald war, darf man sich nicht beschweren! Am nächsten Tag haben wir uns wieder an den Strand gelegt und einfach nur die Zeit genossen. Den Rückweg sind wir zur Hälfte zu Fuß und die andere Hälfte sind wir auf Pferden zurückgeritten. Ich glaube, dass mein Pferd eine Selbstbewusstseinsstörung hat, es wollte immer als Erster laufen, aber es hat ständig angehalten und gefressen, was auch kein Wunder ist, denn die Pferde sind ziemlich abgemagert. Doch wenn ein anderes Pferd es überholt hat, ist es losgerannt um wieder Erster zu sein. Durch den Dschungel zu reiten, ist eher ein Abenteuer ins Ungewisse als das es großen Spaß macht. Vor allem weil ich auch keine Erfahrungen mit Reiten habe! Die felsigen, schmalen, steilen Pfade waren teilweise so sehr vermatscht vom nächtlichen Regen, dass die Pferde darin richtig eingesunken sind. Und auf einer Strecke, die einer Felsspalte ähnelte, sind uns dann Einheimische auf Pferden entgegengekommen, die wiederum Herden von Pferden durch den Dschungel getrieben haben. Da bekam ich schon ein bisschen Angst als die mir entgegengerannt kamen und ich war froh, dass mein Pferd ruhig geblieben ist! Den Tayrona Park kann ich nur weiterempfehlen. Wenn ihr die Möglichkeit habt, je nach Kolumbien zu kommen, dann besucht diesen Naturpark!

Ihr wundert euch vielleicht, dass ich so wenig über meine Arbeit schreibe! Aber es gibt nicht viel Neues was ich euch darüber erzählen könnte. Die Dekoration ist weiterhin meine Hauptaufgabe und es macht mir mittlerweile Spaß. Spaß ist ja auch immer eine Einstellunssache! Ich bastle mittlerweile sogar schon die Deko für das nächste Jahr. Mein Spanisch ist auch schon viel besser geworden und so werden wir nach und nach andere Aufgaben übertragen. Gestern waren wir wieder die Kinder im Armenviertel besuchen. Da gab es eine Situation, da dachte ich mir: „Das ist der Inbegriff vom Teilen und man haben die Kinder viele Abwehrkräfte!“ Ein kleiner Junge packte ein Bonbon aus, auf dem Boden im Dreck saß ein kleiner Babyhund, der Junge ließ zuerst den Hund an seinem Bonbon lecken, bevor er es sich selbst in den Mund steckte! Wahrscheinlich hat der Hund Würmer, der ernährt sich ja auch nur von dem Dreck der Straße. Ich fand das zwar irgendwie süß von dem Jungen, aber auch echt eklig! Am Sonntag machen wir in dieser Straße eine große Müllsammelaktion. Bei dem ganzen Dreck ist das auch wirklich nötig! Ich hoffe, dass ich dann ein paar Bilder machen kann.

Montag, 31. Oktober 2011

Von einem Schlammvulkan, einen Rockstar, ein Fall für die Gesundheitsbehörde und Marihuana Geruch

Die Zeit rennt und ich kann nicht glauben, dass ich schon ganze zwei Monate hier bin! Nun wird es mal wieder Zeit, dass ich euch mitteile was ich die letzten Wochen erlebt habe.

Zu meiner Freude durfte ich eine Klospülung reparieren. Glücklicherweise sind die Toiletten nicht wirklich kompliziert gebaut J

Zurzeit haben wir Regenzeit. Vielen Menschen in Kolumbien geht es deshalb richtig dreckig. Überschwemmte Häuser, die Straßen gleichen Flüssen und teilweise gab es tagelang keinen Strom und kein fließend Wasser. Unsere Köchin lebt in einem sehr armen Stadtteil, ihre Wohnung stand bis zu den Knien unter Wasser und ein Fisch schwamm sogar in ihrem Zimmer herum! Wir sind vergleichsweise ganz gut davongekommen: 2 Tage lang kein Wasser, jedoch mit Unterbrechung, sodass ich das Glück hatte, morgens wieder duschen zu können (nach einem abendlichen Strandbesuch und einer Nacht in einem Bett voller Sand)! Kurz nach dem Wasserausfall hat sich dann der Strom verabschiedet. Mitten in der Nacht sind zwei Generatoren der Stromversorgung mit einem superlauten Knall explodiert. Aber anscheinend kommt das hier öfters vor, sodass das Problem am Nachmittag wieder behoben war. Im Moment funktioniert wieder alles! Den zwei Freiwilligen im Colegio ging es da um einiges schlechter: Die mussten mit Regenwasser abspülen und kochen!

Wir hatten Letzt einen Feiertag und diesen Tag habe ich genutzt die Umgebung besser kennenzulernen. Mit meiner Zimmerkollegin bin ich zu einem Schlammvulkan gefahren. Schon allein die Hinfahrt war ein kleines Abenteuer. Zuerst mit einem Taxi zum Terminal, von dort aus mit einem alten Bus (der kurz zuvor noch repariert wurde) in irgendein Dorf und dort haben wir uns dann Motos genommen und mit denen sind wir durch den Busch Kolumbiens gefahren auf vermatschten Straßen und unpassierbaren Wegen. Aber wir kamen tatsächlich an: Ein Vulkan oder besser gesagt ein Schlammbecken mit Menschen, die bis zur Unkenntlichkeit mit Matsch bedeckt waren. Natürlich habe ich es mir nicht nehmen lassen und bin auch hereinreingestiegen. Ein Gefühl von Schwerelosigkeit! Es gibt keinen Boden und man kann sich kaum bewegen. Der Schlamm soll gut für die Haut sein, manche Menschen fahren dort extra hin um sich den Matsch in gebrauchten Plastikflaschen zu kaufen. Nach dem Matschabenteuer muss man den Vulkan wieder heruntersteigen (die Treppen sind wirklich sehr glitschig) und zu einem Fluss laufen. Das kostet Anstrengung und ich konnte gar nichts dagegen unternehmen als mich plötzlich eine Frau mit sich in den Fluss gezerrt hat und mich gewaschen hat! Die hatte mich noch nicht einmal gefragt, da steckte sie mir schon ihre Finger in die Ohren und zog mein Oberteil aus! Dass mir das unangenehm war, brauche ich glaub nicht zu sagen. Durch solche Grobheiten verdient sie ihr Geld, soll ihr gegönnt sein!

Dann waren wir vor ein paar Tagen in einem indischen Restaurant oder besser gesagt in einem Hinterhof, der wunderschön indisch geschmückt war, in dem wir aber die einzigen Gäste waren. Dort wollten wir einen Geburtstag feiern, doch die anderen ließen ca. 2 Stunden auf sich warten und so kam es, dass ich dringend eine Toilette benötigte. Also bin ich an die Theke und meinte auf Spanisch: „Tengo un pregunta…“ Ein Mann verbesserte mich: „Tengo una pregunta!“ (Ich habe eine Frage!) Er merkte sofort, dass ich keine Kolumbianerin war und fragte mich woher ich denn kommen würde. „Aus Deutschland!“ Er: „Dann können wir ja auch auf Deutsch reden!“ Es stellte sich heraus, dass er aus Aschaffenburg kommt (das liegt ca. 15 km von meinem Heimatort entfernt) und der Gitarrist von „People“ (ich kenne die Band ehrlich gesagt nicht) und ein Freund von den „Skorpions“ ist, mit denen er auch schon öfters auf Tour war! Momentan macht er in Cartagena Urlaub, wird aber bald mit einer bekannten kolumbianischen Band in Bogota touren. Er hat uns sogar seine selbstdesignte Gitarre gezeigt und uns einen Einblick in sein aufregendes  Leben gegeben. Wir haben ihm dann wiederum erklärt was „weltwärts“ ist und was wir hier machen. So ein bisschen selbst von sich überzeugt war der Mann ja schon, wenn er so nebenbei von seinen Erste-Klasse-Flügen erzählte. Ich musste währenddessen an das viele Essen denken, das ich mir von dem Geld kaufen würde. Später hab ich ihn dann mal gegoogelt -vielleicht hat er ein bisschen übertrieben- aber im Großen und Ganzen hat das gestimmt was er uns erzählt hat. Wann trifft man schon mal ganz zufällig so jemanden in einem indischem Restaurant in Kolumbien?

Was ich so gut wie jeden zweiten Morgen beim Putzen beobachte und bei uns in Deutschland ein Fall für die Gesundheitsbehörde wäre: Da läuft ein Mann durch unsere Straße mit einer großen Metallschüssel auf dem Kopf, in der roher Fisch gestapelt ist (da frage ich mich schon mal wie er das überhaupt tragen kann) und schreit: „Pescado!“ (Fisch), damit auch jeder weiß, dass er Fische anbietet. Ab und zu hat er Glück und unsere Nachbarin kommt heraus und kauft doch tatsächlich einen von diesen Fischen, die schon den ganzen Morgen roh in der heißen Sonne schmorren. Dann nimmt er ein Stück Zeitung oder Pappe, breitet dies auf dem dreckig verstaubten Bürgersteig aus und schneidet dort seinen Fisch zurecht. Manchmal fährt währenddessen noch ein Bus oder ein Auto vorbei, sodass noch mehr Staub aufgewirbelt wird. Meiner Nachbarin wünsche ich: Guten Appetit! Aber ich hoffe, dass sie es ihren Hunden zu essen gibt, die bellen nämlich so gut wie jede Nacht. Da gab es schon mächtig Ärger. Vor allem meine Zimmernachbarin kann bei dem Hundegebell nicht schlafen. Es kam sogar schon so weit, dass sie Mitten in der Nacht unsere Nachbarin zweimal aus dem Bett geklingelt hat. Die fand das gar nicht lustig und hat dann wiederum meine Leiterin aus dem Bett geklingelt um ihr zu sagen, dass sie aus dem Bett geklingelt wurde! Da noch eine andere Frau mit meiner Leiterin im Zimmer schläft, ist sie natürlich auch aufgewacht. Ich dagegen habe das Ganze nur  im Halbschlaf mitbekommen. Aber das ist bei uns momentan wirklich ein großes Problem. Wir haben uns schon die kuriosesten Geschichten ausgedacht, wie man die Hunde ruhig stellen könnte. Zum Beispiel haben wir auf der anderen Seite eine Autowerkstatt angrenzend. Vor einigen Tagen kam aus der Richtung Marihuana Geruch zu uns herübergezogen. (Ich persönlich habe es noch nicht einmal gerochen, da ich nicht weiß wie so etwas riecht.) Als wir dann geschaut haben, saß dort aber nur der Security Mann. Wir hoffen inständig, dass er es nicht ist dem dieser Geruch zuzuschreiben ist, denn er bewacht ja sozusagen die Autowerkstatt und wenn er nicht mehr dazu im Stande ist, dann könnten irgendwelche bösen Menschen über das Dach zu uns herüber klettern. Aber ich kann mir das nicht vorstellen, dass er so etwas machen würde. Das kam sicherlich von dem dahinterliegendem Viertel, dort sollten die Hunde ab und zu mal hingeschickt werden!

Dann habe ich noch eine interessante Begegnung mit einer dicken Kakerlake in unserer Küche gemacht. Ich wollte gerade ins Bett gehen und da saß sie auf der Küchenplatte. Ich habe erst einmal herumgeschrien -an den Anblick habe ich mich noch nicht gewöhnt- und dann versucht sie mit einem Besen herunterzukehren, damit ich sie anschließend tot hauen kann. Aber sie hat sich unter dem Mixer versteckt und dann ist sie in der Wand verschwunden! Diese Viecher sind aber auch schnell. Ich hoffe, dass wir in dem Loch in der Wand kein Kakerlaken Nest haben!

Und zu guter Letzt noch etwas zu meinem Fuß: Ich war mit meiner Mentorin, die mir auf Deutsch übersetzt hat, noch einmal bei der Ärztin und diese meinte, dass diese „Kugel“ in meinem Fuß wohl mehr aus Knochen als aus Calcium besteht. Diesen Knochensplitter habe ich aber anscheinend schon länger und der wurde nur zufällig beim Röntgen entdeckt. Der Sturz und der Splitter sind also zwei unterschiedliche Dinge. Und da die Schwellung (vom Sturz) abgeheilt ist und ich nur noch den Splitter habe, ist es in nächster Zeit (also in Kolumbien) nicht nötig zu operieren (es seitdem es würde sich plötzlich verschlechtern). Ich kann ganz normal gehen und wenn ich springen und rennen vermeide, wird wohl alles gut gehen! Für mich steht diese Sache auch nicht mehr im Vordergrund und ich denke auch kaum mehr daran. Mir geht’s gut und wer weiß was ich aus dieser Sache alles lerne!?

Samstag, 15. Oktober 2011

Vom Putzdienst, einem Kinobesuch & meiner Diagnose

Jeden Monat tauschen wir unseren Putzdienst. Im Oktober bin ich für den Vorhof zuständig. Dort steht ein wunderschön gelb blühender Baum und wenn ich Glück habe -was in letzter Zeit ziemlich oft vorkommt- dann sehe ich Kolibris, die ihre morgendlichen Runden drehen. Diese kleinen flatternden Vögel sind wunderschön und sind ab sofort meine neuen Lieblingsvögel! Wenn ich jeden Morgen halb verschlafen in der knallenden Sonne meinen Besen schwinge, kommt ab und zu die Nachbarin heraus und hält ein Schwätzchen mit mir- auch wenn ich nur die Hälfte davon verstehe. Heute lief sie vorbei und grüßte mich mit: „Buenos dias, mi amor!“ („Guten Tag, meine Liebe!“). Dann kam eine Frau, die ich noch nie gesehen habe und sprach mich sogar mit Namen an. Keine Ahnung woher sie den kannte! Mit meinem Namen ist das hier sowieso ein Ding für sich. Da das J als H ausgesprochen wird, heiße ich Hulia. Aber wenn man das jemanden sagt, dann fangen die an zu kichern. Ich glaube der Name ist etwas veraltet, wie bei uns Gudrun oder Hiltraud (nichts gegen eure Namen!).  Also stelle ich mich inzwischen als Chulia vor!
Am letzten Sonntag hatte Anka Geburtstag. Sie ist auch eine Freiwillige aus Deutschland und arbeitet in einer Schule. Wir haben sie überrascht mit leckerem Essen und es gab ganz spontan einen Kinobesuch im Caribe Plaza, einem großen Einkaufszentrum in der Nähe. Wir sind auf gut Glück in den erstbesten Film hineingegangen: „Real Steel“. Ein Film mit Hugh Jackman, in dem Roboter gegeneinander kämpfen. Genau das Richtige für einen Mädelsnachmittag! Aber zu meiner Überraschung war der Film recht gut.  Und was ich noch erwähnen muss: Umgerechnet hat der Film weniger als 4 Euro gekostet! Die Sitze waren bequem, es war sauber und es gab eine Klimaanlage. Jedoch haben sie es damit heftig übertrieben. Ich habe in Kolumbien noch nie so gefroren wie in diesem Kino. Das nächste Mal werde ich mir einen Pulli mitnehmen!
Letzt war ich bei der Tienda um die Ecke. Von dort aus kann man auf andere Handys anrufen. Also habe ich dem Mann mein Handy gegeben, damit er die Nummer abtippen kann. Und ich habe mich noch gewundert, warum er auf meinem Handy herumtippt! Als er es mir wiedergegeben hat, war er tatsächlich so dreist und hat meine Nachrichten geöffnet und sie gelesen! Der Mann hat noch nicht einmal versucht sein Tun zu vertuschen, sondern hat mir das Handy mit der geöffneten Nachricht wieder zurückgegeben! Das fand ich ziemlich unverschämt! Ich glaube von „Briefgeheimnis“ haben sie hier noch nicht so viel gehört. Aber ich habe was daraus gelernt: Zettel mit Nummern mitnehmen oder die Nummer eben selbst eintippen.
Nach vier Arztbesuchen bei drei verschiedenen Ärzten, einen Ultraschall und nachdem ich geröntgt wurde, steht endlich (nach drei Wochen) fest was mit meinem Fuß los ist. Die gute Nachricht: Nicht wie zuerst vermutet ein angebrochener Knochen und auch kein Bänderriss! Sondern, und jetzt kommt die schlechte Nachricht: ein Stück Calcium hat sich von meinem Knochen gelöst - mit Bindegewebe kommt es auf die Größe einer Murmel- und als ich gefallen bin, hat sich diese Verkalkung zwischen meinen Knochen und meinen Bändern geschoben! Immer wenn ich laufe, drückt das jetzt gegen mein Bein und tut mal mehr, mal weniger weh. Mir wurde deshalb empfohlen mich operieren zu lassen. Obwohl es wirklich sehr gute Ärzte gibt und viele Menschen hierher in den Urlaub fahren um sich unters Messer legen zu lassen, werde ich wohl noch ein ganzes Jahr damit warten müssen und mich erst in Deutschland operieren lassen. Der Hauptgrund ist, dass die „Nachsorge“, wie eine Physiotherapie in Cartagena sehr beschränkt ist. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich nun weiß was ich habe- auch wenn das für mich erst einmal ein Schock war- und ich hoffe, dass es nicht schlimmer wird. Solange versuche ich es so gut wie es geht es zu ignorieren. Gestern bin ich dem Jungen begegnet, dem ich das zu verdanken habe. Aber ich bin wirklich nicht sauer auf ihn. Solche Dinge passieren -warum auch immer-, aber das ist noch lange kein Grund nachtragend zu sein. Ich glaube, dass Kolumbianer sehr schuldbewusste Menschen sind. Als er vor mir stand und erfahren hat was Sache ist, hat er mich tausend Mal um Verzeihung gebeten und er hat sogar angefangen zu weinen! Ich wusste gar nicht, wie ich darauf reagieren sollte. So etwas ist mir noch nie passiert, dass ein junger Mann -Mitte Zwanzig- vor mir steht und wegen mir weint! Ich habe ihn dann in den Arm genommen und versucht ihm klarzumachen, dass es in Ordnung ist! Ich hoffe, dass er es verstanden hat…sein Englisch ist so gut wie mein Spanisch.  
So wie es aussieht werde ich demnächst zwei Studenten Deutschunterricht geben (einmal pro Woche). Sie haben vor nach Deutschland zu gehen und ich bin schon sehr gespannt, wie ich mich als „Lehrerin“ anstelle. Vor allem ist Deutsch auch keine Sprache, die man mal so einfach lernt! Unabhängig davon werde ich Spanischunterricht bekommen von einer anderen jungen Frau, die deutsch studiert hat. Ich finde es echt schön, dass man sich hier gegenseitig hilft, natürlich kostenlos. Alles läuft über Beziehungen und Kontakte und langsam verstehe ich auch warum die Menschen so viel und gerne reden! Diese Beziehungen müssen ja gepflegt werden. Das mit den kostenlosen Dingen gilt nicht nur bei Leuten, die man persönlich kennt, sondern auch für Bekannte von Bekannten. So zum Beispiel bei zwei der drei Ärzte. Obwohl das Wartezimmer restlos überfüllt war, durfte ich ohne Wartezeit ins Behandlungszimmer durchgehen und musste noch nicht einmal etwas fürs Röntgen bezahlen! Als Ausländer habe ich eben einen speziellen „Status“, auch wenn mir das nicht immer ganz recht ist. Wenn ich Kolumbianer wäre, wäre ich auf jeden Fall sauer, wenn da so ne Deutsche ins Wartezimmer hereinspazieren würde und sich einfach vor mich drängeln würde! Aber andere Kultur, andere Sitten! Mir gefällt´s!

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Vom Arztbesuch, salzigem Popcorn und einem wunderschönen Abend am Strand

Gestern war ich endlich bei einer Ärztin, die sich meinen Fuß richtig angeschaut hat. Glücklicherweise ist sie eine Freundin von unserer Station, so kam ich sofort dran und musste auch nichts bezahlen. Sie hat herausgefunden, dass einige meiner Bänder gerissen sind und deshalb hat sie mich zum Ultraschall weiterempfohlen. Die Frau hat meinen Fuß hin- und her gebogen und gefragt, ob mir das wehtun würde. An einer Stelle tat es verdammt weh. Ich habe das Gefühl, dass durch sie noch ein paar Bänder mehr gerissen sind! In einer Ecke ihres Zimmers habe ich dann eine Waage entdeckt, von der ich gleich Gebrauch gemacht habe (dort wo ich wohne, haben wir so etwas nicht). Und wenn man ihrer Waage Glauben schenken mag- was ich aber nicht tue- habe ich in einem Monat 2,5 kg abgenommen! Bei dem fettigen Essen kann ich mir das aber wirklich nicht vorstellen. Vielleicht liegt es an der nichtvorhandenen Schokolade, die ich vermisse. Also wenn ihr mir mal eine Freude machen wollt, wisst ihr jetzt Bescheid!

Nach dem Arztbesuch gab es einen DVD Abend bei JUCUM. Leider habe ich von dem Film nicht allzu viel verstanden, weil er auf Spanisch war. Aber die Atmosphäre hat mir gefallen. Wir saßen draußen unter dem Sternenhimmel- von den Moskitos mal abgesehen- und es gab Popcorn zu essen. Allerdings essen die hier salziges Popcorn. Ich habe darüber nachgedacht warum und ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass sie damit ihren „Salzhaushalt“ ausgleichen- bei dem Wetter und dem Schweiß kann ich das auch nachvollziehen. Ich habe mich mittlerweile auch daran gewöhnt bei jeder Begrüßung eine klebrige verschwitzte Backe an meiner Wange kleben zu haben. Was tut man nicht alles um dazuzugehören?

Ich habe auch erfreuliche Nachrichten: eine neue Arbeit, die ich zusätzlich zur Dekoration machen darf. Im Refugio wird Hausaufgabenhilfe angeboten und danach spiele ich jetzt ab sofort mit den Kindern ein Spiel. Das fällt mir noch etwas schwer, weil ich die Sprache noch nicht beherrsche, aber für mich ist es eine gute Abwechslung von dem bunten Bastelalltag. Wobei ich gemerkt habe, dass alles auf den Blickwinkel ankommt. Ich hätte nämlich keine Lust jeden Morgen und jeden Nachmittag Kindern, die keine Erziehung genossen haben, nur Quatsch im Kopf haben, sich schlagen, wegrennen oder herumschreien, Nachhilfeunterricht zu geben und das bei der Hitze! Wenn man es so sieht macht mir das Basteln mittlerweile sogar richtig Spaß und ich habe für dieses Trimester, das noch 6 Wochen lang geht, bereits vorgebastelt. Ich habe auch eine andere Einstellung dazu bekommen, dass ich alleine in einem Projekt bin. Ich lerne somit viel mehr Leute kennen, mit denen ich abends weggehen kann und die sich in Cartagena auskennen. So bin ich Letzt ganz spontan mit zwei Freunden ans Meer gegangen. Dieser Abend wurde zu einen meiner schönsten Abende überhaupt. Wir hatten den Strand für uns alleine. Im Hintergrund waren unzählige Hotels, deren tausend Lichter sich im Wasser gespiegelt haben. Umgeben von Palmen und Mondschein haben wir zu Salsa Musik getanzt, die aus irgendwelchen Lautsprecher tönte. Da wir keine Badeklamotten dabei hatten, sind wir eben mit Kleidung im warmen, klaren Wasser schwimmen gegangen. Wenn es dunkel ist, dann hat man das Gefühl vom Meer verschluckt zu werden, weil es endlos weit ist und einen wie eine schwarze Wand umgibt. Nach dem Planschen gab es dann noch eine schöne matschige Schlammschlacht. Ich hatte noch Stunden später Sand im Ohr! Ich bin dann mit einem Moto nach Hause gefahren. Leider sind die zu mir in letzter Zeit ziemlich aufdringlich und fragen Sachen, die sie nichts angehen. Das habe ich dann meinen zwei Freunden erzählt, die mir dann ein Moto besorgt haben. Was sie genau zu dem Mototyp gesagt haben, habe ich nicht verstanden, aber er hat während der Fahrt nicht mit mir geredet und nach der Fahrt hat er mich inständig darum gebeten meine Kumpels nicht anzurufen, weil er ja gut zu mir war und mich nicht belästigt hat! Der Mann hat mir fast schon ein bisschen leidgetan, der hatte richtig Angst. Ich habe mich später erkundigt was sie mit dem Mototyp gemacht haben: Name und Kennzeichen aufgeschrieben! Das sollten sie öfters machen.